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Berg der Kreuze

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Stille. Es sind nur fünf Minuten in denen sich kein anderer Mensch Blicken lässt, wir setzen uns etwas abseits ins Gras. Vor uns tausende von Kreuzen, große, kleine, alte und ganz neue, hölzerne, metallene, steinerne, aber vor allem hölzerne. Sie stehen oder hängen an anderen Kreuzen, an Bäumen und in Büschen. Wir sind am Berg der Kreuze, im Norden Litauens.

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Wir sind mit einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs zum Berg gefahren. Der Bus hält nicht genau davor, man läuft noch ca. 15 Minuten, bis sich immer mehr Kreuze am Horizont abzeichnen. Der Berg ist eigentlich auch gar kein Berg, sondern eher ein Hügel, denn er ist nur zehn Meter hoch. Viele andere Touristen schießen hier Fotos, laufen über den Berg, stellen eigene Kreuze auf. Trotzdem ist man sofort gefesselt von diesem Ort. Mehr als 400.000 Kreuze stehen auf dem Hügel und um ihn herum (sagt unser Lonely Planet). Viele haben Inschriften, koreanische, schwedische, russische, litauische, spanische, polnische, unzählige, einige sind auch auf deutsch. „2013 Olga + Reinhold Austria“ steht auf einem, „Reiner, wir vermissen dich“ auf einem anderen.  Auf der Spitze des Hügels erklingt leise Kirchenmusik aus einem Lautsprecher, der irgendwo unter den Kreuzen begraben sein muss.     OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wir gehen hinauf und hinunter, herum und auf kleinen Pfaden wieder hinauf und dann zum Kloster hinüber. Papst Johannes Paul der II. soll den Bau des Klosters angeregt haben. 1993 kam er an diesen Ort und hat hier eine Messe gelesen, auf einer extra für ihn erbauten Kanzel. Seit dem Besuch des Papstes gilt der Berg für Katholiken als heiliger Ort.

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Die ersten Kreuze

Um die Entstehung des Berges der Kreuze ranken sich verschiedene Legenden. Zum einen soll ein Vater am Lager seiner kranken Tochter geschlafen haben. Im Traum sei ihm eine weiße Frauengestalt erschienen, die ihm aufgab, ein Kreuz auf dem Hügel aufzustellen. Der Mann tat das und schon bei seiner Rückkehr war die Tochter wieder gesund. Eine andere Legende besagt, dass der Hügel in drei Tagen und Nächten von den Angehörigen von Kriegern errichtet wurde, die zuvor in einer großen Schlacht gefallen waren. Die ersten Kreuze sollen hier im 19. Jahrhundert aufgestellt worden sein, nachdem Litauen Teil des Russischen Reiches wurde. Zweimal rebellierten die Litauer gegen die russische Obrigkeit, zweimal wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen. Angehörige von Menschen, die bei der Niederschlagung getötet wurden, begannen auf dem Hügel Kreuze aufzustellen. Zum einen kann es sein, dass es hierbei um Getötete ging, von denen man nicht wussten, wo genau sie begraben wurden, zum anderen gibt es die Vermutung, dass Kämpfer auf dem Berg hingerichtet wurden, für die dann Kreuze aufgestellt wurden. Sicher ist, dass immer mehr Kreuze hinzu kamen. Um 1900 sollen 150 Kreuze auf dem Hügel gestanden haben.

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Vom Kloster aus kann man durch ein extra dorthin ausgerichtetes Panoramafenster auf den Hügel hinüber sehen, so hat man die Kreuze auch während des Gebets im Blick. Wir schlenderten zurück und besuchten noch die Kanzel, in der der Papst die Messe gelesen hatte. Sie steht etwas entfernt der Kreuze, aber irgendwann wird auch sie sicher in diesem Meer aus Kreuzen stehen, das sich auch um den Hügel herum immer weiter ausbreitet.

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Ein Ort des Widerstandes

Der Berg der Kreuze ist heute ein Ort des Glaubens, ein Wallfahrtsort. Noch vor einiger Zeit war er aber auch ein Ort des Widerstandes. Nachdem die Sowjetunion Litauen okkupiert hatte und tausende Litauer nach Sibierien deportiert oder getötet wurden, pilgerten Menschen zu dem Hügel nahe Siauliai, um ihrer zu gedenken. Das Aufstellen von Kreuzen stand damals unter Gefängnisstrafe. 1961 beschlossen die Sowjets, den Berg der Kreuze wegen „religiösen Fanatismus“ zu zerstören. Sie fuhren mit Bulldozern darüber, tausende Kreuze rissen sie heraus, hölzerne wurden verbrannt, eiserne zum Schrott gebracht und steinerne zerschlagen.  Schon in der nächsten Nacht standen neue Kreuze auf dem Berg. 1973, 1974 und 1975 ließ sie das Sowjetregime abermals zerstören, blieb mit dem Ziel, den Berg der Kreuze zu vernichten, jedoch relativ erfolglos. Jedesmal kamen die Kreuze wieder, der Berg wurde mehr und mehr ein Symbol des nationalen Widerstandes.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Seit 1988 ist der Berg der Kreuze wieder Eigentum Litauens, 1990 sollen 40.000 Kreuze auf dem Hügel gestanden haben. Die Zahl erhöhte sich noch einmal stark, nachdem  die Litauer im Januar 1991 den Kampf um ihre Unabhängigkeit aufgenommen hatten. Vierzehn Menschen, die den Fernsehturm in Vilnius verteidigten, starben bei dessen Erstürmung durch sowjetische Spezialtruppen. Im März erklärte Litauen seine Unabhängigkeit.

Wir waren tief bewegt und fasziniert von diesem Ort, nach zwei Stunden machten wir uns auf den Rückweg.

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