Bulgarien, Gedenkstätten, Sehenswürdigkeiten
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Buzludzha – ein verrottendes
Geisterufo in Bulgarien

Unheimlich ist dieser Ort. Er sieht aus wie ein riesiges Ufo, das auf einen abgelegenen Berg gefallen ist. Doch es besteht nur aus Beton, sehr viel Beton. Die Eingangstür ist verriegelt. Wir schlüpfen durch ein enges Fenster an einer Seitenwand hinein und stehen zunächst in der Dunkelheit. Ein paar Treppen dem Licht entgegen und wir stehen im Auditorium, einem lichtdurchfluteten, runden Saal. Die Inschrift „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ prangt uns in kyrillischen Lettern vom teilweise zerstörten Dach entgegen. Von den Wänden sehen uns riesige Köpfe kommunistischer Führer und Vordenker an.

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„Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Ein Denkmal zu Ehren des Sozialismus

Wir befinden uns im Denkmal Buzludzha, auf dem 1441 Meter hohen und recht abgelegenen Gipfel des Berges Chadschi Dimitar im Balkangebirge. Buzludzha wurde zu Ehren der sozialistischen Bewegung Bulgariens errichtet. 1981 wurde es zur 1300-Jahr-Feier der bulgarischen Staatsgründung eingeweiht. Der Architekt Georgi Stoilow hatte es geplant, mehr als 60 bulgarische Künstler arbeiteten für die Wandbilder zusammen. Es wurde an der Stelle errichtet, an der 1868 bulgarische Rebellen gegen türkischen Besatzer und 1981 die sozialdemokratische Arbeiterpartei Bulgariens gegründet wurde, die die sozialistische Zukunft des Landes plante.

Seit das sozialistische Regime Bulgariens im Jahre 1989 zusammenbrach, verfällt Buzludzha zusehends und ist inzwischen eine Art Mekka für sogenannte „Urban Explorer“ geworden. Also Leuten, die verlassene Orte aufsuchen, erkunden und fotografieren, die angezogen werden von der Mystik und der Symbolik, die dieser Ort ausstrahlt.

Außer dem riesigen Auditorium mit seinen Mosaiken, gibt es in dem Gebäude noch weitere Räume zu entdecken, einige Explorer klettern sogar den dunklen, 107 Meter hohen Turm hinauf und erkunden die unteren Räume. Wir hatten weder das Verlangen, uns in die Dunkelheit zu wagen, noch die richtige Ausrüstung dafür. Taschenlampen sind hier ein Muss.

 „Ja, wir demontieren das alte, verrottete System…“

„Auf die Füße / Verachtete Kameraden / Auf die Füße ihr Sklaven der Arbeit! / Unterdrückt und gedemütigt / Steht auf gegen den Feind! / Lasst uns ohne Gnade, ohne Vergebung / Ja, wir demontieren das alte, verrottete System […]“

Einst muss Buzludzha ein prächtiges Gebäude gewesen sein. Heute ist das Denkmal dem Zerfall preisgegeben und geradezu ein Sinnbild für die Widersinnigkeit des sozialistischen Regimes in Bulgarien. Dieses predigte einerseits Gleichheit und die Überlegenheit der Arbeiterklasse, setzte seinen Führern[1] aber hier ein Denkmal und erhob sie damit weit über alle anderen Bürger. Der Verfall Buzludzhas kann auch als Zerfall des Sozialismus nachvollzogen werden, ein altes Regime vergangener Zeit, vergessen und bis jetzt kaum aufgearbeitet, spiegelt sich in einem Monument wider, das vergessen und zerfallen daliegt: Den alten Helden in den Wandbildern fallen immer mehr Mosaiksteinchen aus ihren alten Bärten, die Inschrift neben der Eingangstür „[..] Ja, wir demontieren das alte, verrottete System […]“ wurde sozusagen zur selbsterfüllenden Prophezeiung eines autoritären und steifen Regimes.

Bilder einer verrottenden Idee

[1] In Buzludzha waren/sind die Köpfe von Todor Christow Schiwkow, Dimitar Blagoev Nikolov und Georgi Dimitrow Michajlow in Mosaiken dargestellt.

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